Ann-Marlene Henning


Ist Essen der Sex des Alltags?

Über die Schwierigkeiten einen romantischen Abend zu verbringen und warum sich so viele Paare beim Essen anschweigen. Ein Gespräch mit der Sexual- und Paartherapeutin Ann-Marlene Henning aus Hamburg, die mit ihrem Buch und der Aufklärungsserie im ZDF „Make Love – Liebe kann man lernen“ bekannt wurde.

Frau Henning, ist Essen tatsächlich der Sex des Alters?
Genuss durch Essen kann der Sexersatz im Alter sein – muss er aber nicht. Es gibt kein Verfallsdatum für die körperliche Liebe. Trotzdem hält sich hartnäckig das Vorurteil, dass Sex nichts für das Alter ist. Da suchen Menschen notgedrungen nach einem alternativen Lustgewinn.

Ist ein gutes Essen also nur der Ersatz für anständigen Sex, wie bei dem Spruch: Golfen Sie schon oder haben Sie noch Sex?
Essen kann wie Golf oder andere Dinge ein Ersatz sein, hat aber gegenüber anderen Ersatzhandlungen einige Vorteile…

Und die wären?
… das beginnt mit etwas ganz Einfachem: Zeit. Ein gutes Essen dauert und man verbringt die Zeit miteinander, ist sich nahe. Ich empfehle vielen Paaren wieder einmal Zeit miteinander zu verbringen, sich bewusst wahrzunehmen, das Smartphone auszuschalten, sich in die Augen zu blicken. Einfach mal schauen, was passiert.

Der geneigte Leser bestellt jetzt einen Tisch, betritt die Bank, wird zum Tisch geführt, schaltet das Handy aus und dann?
Das ist eine sehr gute Frage. Viele glauben jetzt, dass ich als Sexualtherapeutin empfehlen würde, dass die Frauen vorher Strapse anlegen und der Mann sein Verführerlächeln aufsetzt oder so etwas. Aber darum geht es gar nicht. Es geht darum einen Augenblick der echten Intimität zu schaffen, dann klappt der Rest von alleine.

Jetzt müssen Sie mir kurz helfen, was ich mir unter einem Augenblick echter Intimität vorzustellen habe?
(Lacht) Diese Frage wird mir oft gestellt … Ich meine damit den echten Kontakt, die echte Begegnung. Das kann bedeuten, dass ich meine Unsicherheit preisgebe. Also, nicht einfach die Erwartungen, die an mich gestellt werden, bediene, sondern den Vorhang lüfte und den Augenblich wirklich mit dem Partner teile – dann schieben beide nicht nur Erwartungen vor sich her.

Funktioniert das auch, wenn man nicht gerade frisch verliebt ist?
Verliebtheit ist im Grunde eine Gehirnkrankheit, bei der permanent die Dopamin-Rezeptoren gereizt werden und Glückshormone ausschütten. In diesem Zustand findet man am Partner alles toll, da braucht man nicht einmal hinzugucken. Aber nach der akuten Verliebtheitsphase, also spätestens nach etwa zwei bis drei Jahren, geht es um Liebe – und die läuft nicht so wahnhaft ab. Dann geht es um spüren, fühlen … Ein tiefer Blick in die Augen meines Partners kann da ein guter Anfang sein.

Zeichnen sich alte Paare nicht gerade dadurch aus, dass sie sich nicht mehr ansehen und bei einem Abendessen in Dauerschweigen verfallen?
Nein, nicht alle alten Paare schweigen sich beim Essen an. Und von denen die schweigen, sind nur ein kleiner Prozentsatz in stummer Verachtung am Tisch vereint.

Was ist bei den anderen der Grund für das Schweigen?
Angst vor der Zurückweisung. In der ersten Phase der Verliebtheit verzeiht man sich eigentlich alles, was man tut oder sagt. Später schwindet ganz natürlich diese Toleranz. Man wird immer dünnhäutiger. Auch weil man meint zu wissen, wie der andere reagiert. Das ist eine gefährliche Spirale. Ich frage nicht, weil ich die Antwort zu kennen glaube. Ich antworte nicht aufrichtig, weil ich die Reaktion auf meine Antwort zu kennen meine. Das schraubt sich manchmal hoch, bis keiner mehr etwas sagt.

Und ein schönes Abendessen kann da helfen?
Ja, weil Paare im täglichen Einerlei oft gelernt haben, sich von einander abzulenken und manchmal sogar, sich aus dem Weg zu gehen. Die Kommunikation beschränkt sich nur noch auf die Sachebene. Wer bringt die Wäsche zur Reinigung, wer holt die Kinder vom Sport ab, wer kauft das Geschenk für die Geburtstagsfeier? Bei Kerzenschein und Wein muss man sich miteinander auseinandersetzen oder zusammenrücken. Auf jeden Fall findet Kommunikation nicht nur auf der Sachebene statt, sondern auch auf der Beziehungsebene. Das ist oftmals Stress, wenn man aus der Übung ist, ist aber auch eine Chance.

Auch als Vorbereitung auf ein gepflegtes Hutschi Gutschi?
Eher nicht. Wenn, dann müsste es eine echte Verabredung zum Sex sein – das kann funktionieren, doch in den meisten Fällen baut das nur Druck auf. Der ist abträglich für beide Seiten. Umgekehrt. Es sollte gerade darum gehen den Druck abzubauen und Entspannung zu schaffen. Vertrautheit. Nähe. Zärtlichkeit. Dann sind die Chancen wesentlich höher, dass sich daraus guter Sex entwickelt.

Geht es darum, wenn Paare bei Ihnen zur Therapie kommen, um Entspannung, Nähe, Zärtlichkeit?
Weniger. Es gibt unterschiedliche Therapieformen, einige Therapeuten arbeiten nach dem Konzept der gewaltfreien Kommunikation. Wenn das funktioniert, fein. Aber ich habe andere Erfahrungen gemacht. Deshalb schätze ich die Arbeit von David Schnarch, einem us-amerikanischen Paar- und Sexualtherapeuten, so sehr. Er sagt, egal wie gewaltfrei man redet, jeder hat ein kleines Arschloch in sich – so hat es David Schnarch tatsächlich genannt – ein Arschloch, dass immer nur will, dass meine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen und ich ja nicht zu kurz komme! Kinder führen einem das vor: sie stampfen mit den Füßen auf und wollen unbedingt ihren Willen durchsetzen. Unbewusst handeln wir oft auch so. In meiner Therapie geht es darum, dass jeder der beiden Partner sich bewusst wird was ihm eigentlich sein kleines Arschloch einflüstert. Das man es ruhig annehmen sollte, dass man in bestimmten Situationen mit seiner schlechtesten Seite unterwegs ist. Was ist besser, als zu wissen, dass der andere mein kleines Arschloch kennt, aber mich trotzdem liebt? Dann ist man angekommen oder sagen wir: angenommen. Aber die meisten wollen vermeiden, diese Seite zu offenbaren. Deshalb ist das Reden oft unangenehm. Oft entstehen die Spannungen auch dadurch, dass der Partner das kleine Arschloch in mir sehen kann und merkt, wie ich krampfhaft versuche es zu verstecken. Deshalb ist der Therapieansatz nach David Schnarch der einer konfrontativen Arbeit.

Wie habe ich mir eine solche Konfrontation vorzustellen?
Wenn die Paare zu David Schnarch kamen und erzählten, wie blöd der jeweils andere ist, hat er auch schon mal die Frage gestellt: „Ist es richtig das sie beide mit einem Arschloch verheiratet sind?“ Daher kommt der provozierende Begriff des Arschlochs. Das ist in der Tat für ein Paar eine Konfrontation. Das macht ihnen bewusst, wo sie im Umgang miteinander stehen. Das ist das Gegenteil von gewaltfreier Kommunikation. Aber darum geht es auch nicht, es geht darum wach zu werden: Was tue ich eigentlich? Wie oft verleugne ich mich? Was tue ich meinem Partner an? Das ist Bewusstseinsarbeit. Viele Paare fügen sich Verletzungen zu, ohne es bewusst so zu erleben. Es geschieht einfach. Dagegen hilft eine Therapie, weil ich plötzlich ausdrücke, was ich denke und fühle. Weil ich lerne das Arschloch zu akzeptieren. Auch das, dass ich selber bin.

Ann-Marlene Henning im Gespräch mit Peter Goldammer für die BANK.
Mehr über Ann-Marlene Henning finden Sie auf: www.doch-noch.de

Foto von Gerhard Linnekogel

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