Christian Wulff


Ich bin ein Anhänger von Brüchen!

Christian Wulff, 56, ist Rechtsanwalt und war zehnter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ist Stammgast der Bank seit 2013.

Herr Wulff, was ist Ihr Lieblingsplatz in der Bank?
Ich sitze am liebsten mit Gesprächspartnern etwas abseits vom großen Hauptraum, im vorderen Bereich an einem der Ecktische.

Was schätzen Sie an der Bank?
Das beginnt beim Gebäude, indem ich ja auch mit meiner Kanzlei arbeite. Das Haus ist ein ausgezeichnetes Beispiel für eine gelungene Verbindung von Alt und Neu. Diesen Gegensatz empfinde ich als sehr inspirierend. Wir haben im Haus auch einen genialen Pförtner, der sehr freundlich, überaus informiert und gebildet die gute Seele ist – einfach wunderbar – von Anfang an hat er mich mit offenen Armen empfangen und ich freue mich immer, wenn ich ins Haus komme. Im Restaurant selbst ist es die Qualität und ebenfalls die Freundlichkeit und das Engagement der Mitarbeiter. Man sitzt drinnen sehr gut und im Sommer draußen in der Sonne. Hinzu kommt, dass sehr viele die Bank über Hamburg hinaus kennen. Erzähle ich, dass unser Büro hier im Haus ist, wissen viele, wo man mich findet.

Was gab den Ausschlag, nach Hamburg zu ziehen?
In Hamburg gefiel mir die Weltoffenheit mit den internationalen Kontakten z.B. nach Afrika, Südamerika und Asien. Und es gibt hier im Haus und direkt in der Nachbarschaft viele große renommierte Kanzleien, mit denen ich kooperiere. Das Netz, in das ich hier eingebunden bin, stellt eine andere Herausforderung und einen Neuanfang dar, als wenn ich mich in Hannover niedergelassen hätte.

Waren nicht dennoch viele Leute überrascht, dass Sie hier in Hamburg ihre Kanzlei eröffnet haben und nicht in Hannover oder Berlin?
Ich wollte auch eine klare Trennung: Zwischen meinem zu schützenden Privatleben in Hannover, meinen Aufgaben als ehemaliger Bundespräsident in Berlin, wo ich mindestens einmal pro Woche bin, und meinem beruflichen Neuanfang als Rechtsanwalt in Hamburg. Dieses Dreieck Hannover, Hamburg und Berlin, dass wunderbar mit dem Zug verbunden ist, schafft für mich jeweils eigene Anforderungen. In Hamburg arbeite ich als Anwalt mit vielen internationalen Kontakten; in Berlin erfülle ich in meinen Büro die Aufgaben als ehemaliger Bundespräsident z.B. in Stiftungen, als Mentor und in Ehrenämtern und in Hannover bin ich gerade an den Wochenenden Vater und Ehemann. Ich bin ein Anhänger von Brüchen, vom loslassen und zulassen. Dazu braucht man Gelassenheit, ein Begriff, mit dem ich mich intensiv beschäftigt habe. Zur Gelassenheit gehört auch ein Bewusstsein für Zeit, denn die ist das kostbarste Gut überhaupt. Wir können es durch nichts vermehren, nicht durch Fleiß, nicht durch Geld. Alle wissen, das Leben ist endlich. Deshalb ist es schön, wenn man mehr aus seiner Zeit machen kann. Hier die Dinge so gut verbinden zu können, verdanke ich der Lage des Büros. Die Zeit ist mittags oder abends stets ohne An-und Abfahrt gut genutzt, um Menschen und ihre Anliegen kennenzulernen, gleichzeitig gut zu essen und sich auszutauschen. Das ist Zeitökonomie.

Hat sich im Laufe der Jahre ihr Verhältnis zum Genuss verändert?
Mir ist über die Jahre aufgefallen, dass ich oft am Ende eines Tages nicht mehr sagen konnte, was ich eigentlich gegessen habe. Das hat mich gestört. Ich mache mir heute bewusst, was ich esse – die Mengen und auch die Herkunft. Ich liebe nicht nur im gesellschaftlichen Leben unsere bunte Republik Deutschland, sondern auch beim Essen. Ich genieße bewusst die Vielfalt. Das ist auch etwas, dass ich hier in der Bank liebe: Man geht auf Sonderwünsche ein.

Sind Sie aufgrund ihrer Erfahrungen mit den Medien misstrauischer gegenüber anderen Menschen geworden?
Nein. Ich bin immer sehr offen auf andere Menschen zugegangen. In hundert Fällen macht man auch mal eine schlechte Erfahrung. Warum sollte ich wegen einer schlechten Erfahrung mein Verhalten gegenüber neunundneunzig Menschen ändern? Diese Reaktion wäre unangemessen und im übrigen würde ich dieser Person eine Macht über mein Leben einräumen, die ich niemandem gebe. In einem schönen Buch von Jorge Bucay beschreibt er die Geschichte eines gläubigen Mannes der bestohlen wurde und der einen Brief an Gott verfasst: „Lieber Gott, schreibt er, es war nur eine schäbige alte Geldbörse, die ohnehin erneuert werden musste. Es war etwas Geld darin, das ohnehin immer weniger wert ist und es ist keine Kinderseele zu Schaden gekommen. Lieber Gott, vielen Dank, dass ich der Bestohlene war und nicht der Dieb.“

Christian Wulff im Gespräch mit Peter Goldammer für die BANK.
Mehr über Christian Wulff und sein Unternehmen finden Sie auf: de.wikipedia.org/wiki/Christian_Wulff

Foto von Gerhard Linnekogel

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