Prof. Dr. Hugo Schmale


Wer Sicherheit will, sollte gar nicht erst geboren werden…

Prof. Dr. Hugo Schmale, 84, Professor für Psychologie an der Universität Hamburg und Mitgründer der Online-Partnervermittlung Parship.

Professor Schmale, sie sind nicht nur Stammgast der Bank, sondern ohne sie würde es die Bank gar nicht geben. Wieso?
Ich war über längere Zeit der geistige Sparringspartner von Dirk von Haeften, dem Gründer der Bank. Wir hatten viele Gespräche, welche Richtung er einschlagen soll, nachdem er seine Position im Immobiliengeschäft aufgegeben hatte.

Er hatte gekündigt, bevor das Vorhaben mit der Bank feststand?
Ja, und ich habe ihn darin sehr bestärkt. Ich kann ihnen versichern, dass es nur so gelingt, etwas wirklich Neues aufzubauen; man muss in vielerlei Hinsicht die Brücke zum Alten abgerissen haben.

Heisst es im Allgemeinen nicht, dass man niemals kündigen soll, bevor man nicht einen neuen Job hat?
Im Allgemeinen ja, aber die allgemeinen Ansichten sind nicht immer richtig. Es ist bei partnerschaftlichen Beziehungen nicht viel anders: Menschen, die immer aus der Sicherheit einer Beziehung in die nächste schlüpfen, sind dazu verurteilt ihre Fehler ewig zu wiederholen.

Warum ist das so?
Wer etwas Neues finden will, braucht erst einmal ein „Nein“ zum Status Quo – daraus entsteht Freiheit. Und nur aus Freiheit entsteht etwas wirklich Neues.

Ist das nicht mit einem hohen Risiko verbunden?
Das Risiko zu scheitern wird dadurch nicht erhöht. Im Gegenteil. Menschen glauben gern, man würde ein Mehr an Sicherheit gewinnen, wenn man behält, was man sicher zu haben glaubt – aber wer aus dieser vermeintlichen Sicherheit heraus etwas Neues sucht, gewinnt nichts Neues, sondern nur – und nur vielleicht – etwas anderes. Ich versichere Ihnen: Wer Sicherheit will, sollte gar nicht erst geboren werden. Im Leben gibt es keine Sicherheit.

Wie ist das Konzept entstanden, die Bank zu eröffnen?
Jemand der zu seinen bisherigen Lebensumständen Nein gesagt hat, sollte diese neue Freiheit nutzen, sich einmal bewusster auf sich selbst einzulassen. Dazu war Dirk von Haeften bereit. Ich würde soweit gehen, zu sagen, dass die Kraft, große Dinge aus dem Boden zu stampfen, aus dieser Fähigkeit kommt.

In ihren Gesprächen ging es nur darum, sich auf sich selbst einzulassen?
Warum „nur“? Man muss erst einmal herausfinden, was einem wirklich liegt. Deshalb habe ich zahlreiche empirische-psychologische Testverfahren entwickelt. Das ist ein wichtiges Thema. In unseren Gesprächen habe ich Dirk von Haeften als einen außerordentlich sensiblen Menschen erfahren: seine Sinnesorgane können sehr fein differenzieren, er kann gut riechen, schmecken…Und er kann auch im gesellschaftlichen Umfeld sehr gut differenzieren, gut mit Menschen umgehen, die Richtigen zusammenbringen, dazu kann er gut planen und organisieren und ist pragmatisch veranlagt. Da habe ich ihn gefragt, ob er mit diesen Fähigkeiten nicht in die Gastronomie gehen will. Beim Wort Gastronomie wurde er weiß im Gesicht – ging nach Hause und überlegte. Kurz darauf kam er wieder und sagte, „Ja, das mache ich. In meiner Vorgeschichte habe ich viele gute Gründe gefunden, warum das richtig sein kann.

Wie wurde aus der allgemeinen Empfehlung, ganz im speziellen die Bank?
Ich habe ihm geraten, sich umzuschauen, wie so etwas aussehen könnte. Was er einbringen kann und was der Markt braucht. Wie konsequent er diesen Rat umgesetzt hat, ist typisch für ihn: Er ist ein Viertel Jahr durch die Welt gereist, hat sich angeschaut, was es international für neue Entwicklungen in der Gastronomie gibt und nach seiner Rückkehr Möglichkeiten der Realisierung gesucht – und gefunden: die Bank.

Sie waren aber nicht nur der geistige Sparringspartner des Bank-Gründers, sondern haben selbst Parship gegründet, wie kam es dazu?
Die Anfänge liegen in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, für die Zeitschrift TWEN durfte ich Psychologische Partnerschafts-Test entwickeln. Damals war ich noch kleiner Assistent, es handelte sich um Stichproben mit wenigen Probanden. Später gab mir der Verleger Gerd Bucerius die Möglichkeit, immer qualifiziertere Untersuchungen zu machen. Viele Jahre hieß es in der Zeitschrift: „Wir suchen das ideale Paar“. Das war für mich der Anfang großer Forschungen über das Thema Partnerschaft. Später kam der Verleger Holtzbrinck auf mich zu und fragte, ob ich die Paarsuche auch für das Internet machen könnte.

Das war die Entstehung von Parship?
Ja, ich begann mit der Grundidee von Parship, dass derjenige, der einen Partner sucht, erst einmal etwas über sich selbst erfahren haben muss, wer er ist und was er will. Deshalb der Fragebogen mit den etwa hundert Fragen, um ein Partnerschafts-Persönlichkeitsprofil zu entwickeln. Dann suchen wir Menschen, die in vielerlei Hinsicht dazu passen. Wir bringen die Partner zusammen, die in den richtigen Punkten übereinstimmen und an den richtigen Stellen ergänzend gegensätzlich sind.

Sie werden oft mit dem Satz zitiert: „So viel Gemeinsamkeiten wie möglich, soviel Unterschied wie nötig.“ Wer definiert das Verhältnis von Gleichheit und Ungleichheit?
Letztlich die Natur. Denn da stellt die Gleichheit das Überleben der Art sicher. Es entsteht aber kein Fortschritt, wenn keine differenzierende Änderung stattfindet. Die Natur ist immer offen für Änderungen auf der Basis des Gleichen.

Und wie wird dieses Verhältnis bei Parship definiert? Gleichheit 80% Ungleichheit 20%?
Nein, in gewissen Merkmalen muss die Gleichheit annähernd 100% betragen…

… welche Merkmale sind das?
Eines der wichtigsten Erfolgskriterien einer guten Beziehung ist die Übereinstimmung in dem Bedürfnis, in einem gleichen Verhältnis von Nähe und Distanz zu leben. Wenn ich jemanden, der möglichst 24 Stunden am Tag Händchen halten will, zusammenbringe mit jemandem, der das höchstens nur zwei Stunden am Tag will, wird die Beziehung scheitern. Es gibt keine Möglichkeit – das kann man fast so Apodiktisch sagen – das eine Beziehung funktioniert, in der einer Nähe will und der andere Distanz sucht.

Und wo sollte Ungleichheit bei Paaren bestehen?
Sich ergänzende Ungleichheit! Beispielsweise bei der Dominanz. Bin ich ein dominanter Mensch, darf ich mich nicht mit einem Partner zusammentun, der ebenfalls dominant ist – das gibt Kleinholz. Hier muss sich ergänzende Ungleichheit herrschen. Der eine hat Lust Sicherheit zu geben, der andere hat Lust, Sicherheit zu bekommen.

Zu guter Letzt die Frage: Leben sie selbst in einer glücklichen Beziehung?
Ja. Aber ich war vorher schon zweimal verheiratet. Vieles, worüber ich hier so altklug doziere, habe ich selber oft falsch gemacht. Man wird nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse klug, nur durch Leid.

Das müssen sie erklären…
Es liegt uns in der Natur, Anstrengung zu vermeiden – weil sie Kraft kostet. Der Mensch möchte es einfach haben, mühelos. Die Menschen haben nicht kapiert, dass Fortschritt in Wahrheit immer aus der Anstrengung entsteht. Weil wir das nicht wollen, erleben wir Krisen, die uns zwingen anders zu denken, als man alltäglich denkt. Eine Beziehung, die nie Probleme kennt, geht in die Brüche. Denn Probleme gibt es immer, es gilt sie anzuerkennen, sie anzusprechen. Das Grundprinzip des Lebens ist die Differenz. Ohne Spannung entsteht nichts Neues. Die alten Griechen werden da leider oft falsch interpretiert: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ wird Heraklit zitiert. Gemeint ist damit: Die Differenz, die Auseinandersetzung ist der Vater aller Dinge.

Professor Hugo Schmale im Gespräch mit Peter Goldammer für die BANK.
Mehr über Professor Hugo Schmale finden Sie auf: de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Schmale

Foto von Gerhard Linnekogel

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